Ein globaler ethischer Konsens?

Vor kurzem hat das Magazin „Foreign Policy“ (oder kurz FP) einen Artikel mit dem Titel „The World Must Regulate Tech Before It’s Too Late“ veröffentlicht. Was steckt dahinter?

 

Der Fortschritt von Wissenschaft und Technologie ist nicht aufzuhalten. Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind kaum abschätzbar. Die Forderung nach einem globalen ethischen Konsens ist ebenso sinnvoll wie eine „weise“ Regulierung, um möglichen Schaden abzuwenden, ohne dabei aber Entwicklungen grundsätzlich zu verhindern.

Aber ist das möglich? Ich bin pessimistisch.

Als am 10.12.1948 die Vereinten Nationen unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verabschiedeten, gab es 48 Zustimmungen, 8 Enthaltungen und 0 Gegenstimmen. Das sieht fast nach einem globalen Konsens aus. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass es sich um eine rechtlich nicht bindende Empfehlung handelte, sind die acht Enthaltungen schon etwas bedenklich. Viele Experten sind der Ansicht, dass die Abstimmung heute wesentlich negativer ausfallen würde. Von einem globalen Konsens sind wir weiter entfernt als wir es uns wünschen.

In dem Artikel wird das chinesische Beispiel zur menschlichen Gen-Editierung als Schritt zum ethischen Konsens genannt. Der Wissenschaftler He Jiankui wurde 2019 bestraft, weil er gegen ethische Grundsätze verstoßen habe. 2020 berichten die Medien über den chinesischen Wissenschaftler Hui Yang, der vor „unverantwortlichem Einsatz der Gen-Editierung beim Menschen“ warnt. Gleichzeitig kündigt er an, dass er in ein bis zwei Jahren „legal gen-editierte Kinder produzieren wird“. Meines Erachtens sieht das nicht nach einem globalen ethischen Konsens aus.

Ein weiteres Beispiel aus dem Artikel beschreibt eindrucksvoll das Problem: bei einer schweren genetischen Krankheit würden 20% der Befragten einen gentechnischen Eingriff am Embryo ablehnen. Der scheinbare Konsens in dieser Teilmenge ist jedoch keiner, denn die Gründe sind sehr unterschiedlich: sie liegen auf der religiösen, der gesellschaftlichen und möglicherweise auch auf der wissenschaftlichen Ebene. Maßnahmen, um die Entscheidung der Befragten möglicherweise zu ändern, wären ebenfalls sehr unterschiedlich und mitunter unvereinbar.

Menschen sind verschieden. Sie sind ethnisch durch Kultur, Politik, Religion und anderes geprägt und auch verschiedene ethische Konzepte sind historisch tief verwurzelt. Eine universale Ethik anzustreben, ist lobenswert. Wenn überhaupt möglich, so wird das sehr lange dauern. Man muss sich aber auch fragen, ob wichtige Bestandteile der menschlichen Diversität dabei verlorengehen: welche Kulturen werden dominieren, welche werden unterdrückt?

Vielleicht wäre es sinnvoll, gleichzeitig einen „Plan B“ zu prüfen: wie können wir friedlich gemeinsam in einer globalisierten Welt leben, wenn verschiedene Populationen ihre technische Entwicklung unabhängig, nach unterschiedlichen ethischen Konzepten vorantreiben? Ob es darauf eine befriedigende Antwort geben wird, ist ungewiss.

Ein „Experiment“ dazu findet zurzeit statt: Europa hat (weitgehend) entschieden, in der Landwirtschaft auf Gentechnik zu verzichten. Andere Staaten forcieren die Technik mit aller Macht. Welche Auswirkungen die eine oder die andere Entscheidung auf Umwelt, Ernährung und soziale Entwicklung haben werden, wird sich voraussichtlich erst in 10 oder 15 Jahren zeigen.

Autor: Wolfgang Nellen

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