Unbedingt lesen!

Kiran Musunuru, „The CRISPR Generation. The Story of the World‘s First Gene-Edited Babies.“, ISBN 978-1-54398-637-2

Man wundert sich etwas: Im ersten Drittel des Buchs wird CRISPR-Cas überhaupt nicht erwähnt. Musunuru liefert zuerst eine kurze, verständliche Einführung in die Molekularbiologie, die auch für interessierte Laien einen Einstieg in die späteren, komplexeren Kapitel leicht macht. Dann erzählt er die Geschichte der Molekularbiologie aus der Sicht eines forschenden Mediziners, der immer Patienten, deren zum Teil rätselhaften Erkrankungen und potenzielle Heilungsmöglichkeiten im Blick hat. Forschung wird spannend beschrieben und der direkte und manchmal auch indirekte Anwendungsbezug macht für Nicht-Wissenschaftler transparent, was die Menschen im Labor antreibt und dass Lösungswege oft sehr verschlungen sind. Man bemerkt kaum, das dieser Teil letztlich auf die Genom-Editierung als logische Konsequenz der Entwicklung zusteuert.

Die Entwicklung von CRISPR-Cas war (bisher) die Krönung von Versuchen, zielgenau in Genome einzugreifen. Musunuru erzählt authentisch, denn er gehörte von Anfang an zu den wichtigsten Akteuren, auch bei Zinkfingernukleasen und TALEN, den Vorläufern der „Gen-Schere“. Selbst für gestandene Molekularbiologen lohnt es sich, die Geschichte Revue passieren zu lassen, denn sie enthält viele Details, die vielen nicht geläufig sind.

Musunuru gehörte zu den ersten, die Einsicht in das brisante Manuskript von He Jiankui zu den „CRISPR-Babys“ hatten, und er liefert eine detaillierte aber trotzdem verständliche Analyse der Daten, die auch für Insider noch interessante Informationen enthält.

Der klare, sympathische Schreibstil gerät jedoch etwas außer Kontrolle, wenn Musunuru über die ethischen Aspekte spricht. Trotz der zweifellosen wissenschaftlichen „Schlamperei“ von He Jiankui könnte man sich etwas mehr Distanz statt eines Rundumschlags mit der moralischen Keule wünschen. Etwas fraglich sind die teilweise quantitativen Interpretationen der Sequenzierungsdaten und die etwas diffusen warnenden Worte vor Mosaik-Embryos. Musunuru erwähnt nicht, dass ca. 90 Prozent der Blastocysten aus in-vitro Befruchtungen Mosaike sind – auch ohne Genom-Editierung. Etwas skurril wird es, wenn er bei seiner Kritik versehentlich einen eigenen (kleineren) Verstoß gegen wissenschaftliche Regeln erwähnt.

Der letzte Teil des Buches beleuchtet wieder einen ganz wichtigen Aspekt: Unter welchen Umständen ist Genom-Editierung in der Keimbahn überhaupt sinnvoll? Die Antwort ist ernüchternd. Es gibt nur eine extrem kleine Zahl von Sonderfällen, z. B. wenn beide Eltern homozygot für eine erbliche Krankheit sind. In den weitaus meisten Fällen ist Embryoselektion nach pränataler Diagnostik oder in-vitro Befruchtung sicherer und eher ethisch vertretbar. Anders sieht es aus, wenn man Menschen durch Genom-Editierung „optimieren“ will. Aber das ist eine andere, sehr brisante Debatte, die in der öffentlichen Diskussion leider zu wenig berücksichtigt wird. Zwischen Heilung und Optimierung liegt eine breite Grauzone, bei der es um eine Minimierung von Krankheits- und Infektionsrisiken geht. Eine rote Linie zu ziehen, welche Veränderungen akzeptabel oder gar wünschenswert sind und welche verboten werden sollen, wird nahezu unmöglich sein.

Das Buch ist zum größten Teil auch für Laien gut verständlich und ein sehr guter Beitrag zur Entwicklung der Genom-Editierung und zum aktuellen Stand der Technologie (Herbst 2019). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Forschung in rasendem Tempo voranschreitet: Seit der Veröffentlichung des Buches ist das dritte CRISPR-Baby in China geboren, es gibt schon wieder neue, präzisere CRISPR-Cas-Varianten und auch bei der zitierten Literatur gibt es inzwischen ein paar Revisionen.

Meine Empfehlung: Unbedingt lesen!

Autor: Wolfgang Nellen

Bildnachweis: Verlag BOOKBABY 

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