Frauen in der Forschung

Bildnachweis: MD Duran/Unsplash

Bei der Vergabe der Nobelpreise für 2019 wurde es jetzt wieder deutlich: Die Naturwissenschaften werden nach wie vor von Männern dominiert. Unter den neun Preisträgern in den naturwissenschaftlichen Disziplinen Chemie, Physik und Medizin war nicht eine einzige Frau. Warum das so ist und wie Wissenschaftlerinnen damit umgehen, wollten wir wissen und haben zwei Forscherinnen aus dem SPP2141 gefragt.

_DSC0219Prof. Dr. Anita Marchfelder leitet das Institut für Molekulare Botanik an der Universität Ulm. Sie ist die Sprecherin des Schwerpunktprogramms „Weitaus mehr als nur Verteidigung: die vielen verschiedenen Funktionen des CRISPR-Cas Systems“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Während ihres Chemie-Studiums und der Promotion hat Anita Marchfelder keine Unterschiede in der Chancengleichheit der beiden Geschlechter wahrgenommen. Bis zur Doktorarbeit sei es sowieso relativ wurscht, stellt sie fest, die Probleme, die „gender-related“ sind, kämen erst beim Schritt zur Professur: „Leider haben Frauen oft nicht das Selbstbewusstsein, das Seil ohne Absicherung zu ergreifen und in die akademische Kariere zu gehen. Wobei ein unbefristeter Arbeitsvertrag in der Firma ja auch nicht 100-prozentig ist.“ Es sei gesellschaftlich bedingt, dass Frauen diesen unsicheren Weg nicht gehen wollen.

Hinzu kommt, dass der Schritt in eine wissenschaftliche Laufbahn oft zu dem Zeitpunkt ansteht, zu dem auch das Thema Familienplanung junge Paare beschäftigt. Da Marchfelder und ihr Partner das Glück hatten, eine Wirkungsstätte am selben Ort zu haben, konnten sich beide die Kinderbetreuung aufteilen: „Bei dem ersten Kind war es ein bisschen schwierig, einen Kita-Platz zu bekommen, da haben wir uns dann mit Tagesmüttern ausgeholfen.“ Letztlich müsse man sich aber darüber im Klaren sein, weniger Zeit für die Forschung zu haben, solange man Kinder großzieht: „Mal am Wochenende einen Antrag fertig machen, geht dann nicht so einfach. Ich kann die Kinder schließlich nicht 24 Stunden sieben Tage lang wegorganisieren, dann kann ich sie auch zur Adoption freigeben.“

Schwanger ins Labor – geht das überhaupt? Grundsätzlich schon. Marchfelder berichtet: „Wir richten hier dann extra Arbeitsplätze ein in Räumen, wo dann niemand mehr mit den Chemikalien arbeiten darf, die nicht mehr benutzt werden sollten. Und wenn unbedingt etwas mit Radioaktivität gemacht werden muss, kann so ein Versuch ja auch ein Technischer Assistent übernehmen, es geht ja nur um ein paar Experimente. Wenn man das will, kann man das schon machen.“ Auch bei der Einhaltung von Fristen würde man an den Unis Studierenden mit Kind inzwischen sehr entgegenkommen: „Ich bin Vorsitzende vom Prüfungsausschuss Biochemie und wenn da Frauen oder auch Männer mit Kind eine Verlängerung von Fristen benötigen, ist das in der Regel kein Problem. Da gibt es starke Unterstützung.“

Bei Anita Marchfelder im Institut gibt es sehr viele Frauen. Darauf angesprochen antwortet die Professorin schmunzelnd: „Das ist keine Einstellungsvoraussetzung,“ und ergänzt: „Aber das ist schon witzig. Ich werde da immer drauf angesprochen, aber wenn eine Arbeitsgruppe nur Männer hat, da sagt dann keiner was.“

Was könnte helfen, um Frauen zu ermutigen, in die Wissenschaft zu gehen? Erst einmal: mehr Geld, und zwar frühzeitig. Frühzeitig heißt: gleich nach der Promotion. „Optimal wäre, wenn für geeignete Kandidatinnen nach der Promotion sagen wir rund zwei Millionen zur Verfügung stellen könnte für fünf Jahre für Technische Assistenz, Doktorand, die eigene Stelle, Verbrauchsmittel usw.“, schlägt Marchfelder vor. Dann könne frau ausprobieren, ob das überhaupt etwas für sie ist oder nicht: Nicht mehr nur selbst pipettieren, sondern eine kleine Arbeitsgruppe managen, Anträge stellen etc. Nach diesen fünf Jahren mit dieser Erfahrung fiele die Entscheidung leichter, ob man in die Wirtschaft geht oder in der Forschung bleibt, und man hätte in dieser Zeit auch den Grundstein gelegt, um darin erfolgreich zu sein. „Da müsste viel Geld reingesteckt werden, und es müsste generell mehr Geld reingesteckt werden, um den Mittelbau an den Unis mit unbefristeten Stellen auszustatten“, ist die Wissenschaftlerin überzeugt.

Dass Frauen anders forschen oder auch nur eine andere Herangehensweise haben, kann Marchfelder nicht bestätigen. Im Gegenteil: Sie findet solche Aussagen sogar grenzwertig: „Wieviel Milliarden Leute wohnen auf dem Planeten? Warum soll die Hälfte davon in eine bestimmte Kiste getan werden, nur weil sie ein X-Chromosomen mehr hat? Das halte ich für Quark. Da gibt es mehr Überschneidungen zwischen Männern und Frauen als innerhalb der Gruppe der Frauen. Ich würde nicht sagen, dass es da eine bestimmte weibliche Art gibt.“

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Dr. Ulrike Endesfelder leitet eine Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg. Die Physikerin hat im Sommer ihr erstes Kind, eine Tochter, bekommen. Ihre Arbeit ließ sie deswegen nur kurz ruhen. Endesfelder berichtet: „Mit dem Tag 1 der neunten Lebenswoche meiner Tochter war ich wieder hier am Institut und das klappt deswegen so gut, weil mein Mann in Elternzeit ist.“ Mit dem Direktor des Instituts hat sie ausgemacht, dass sie einen Tag in der Woche von zu Hause arbeitet und einen Tag in der Woche ihr Kind mit ins Büro nimmt: „An diesem Tag ist unser Gruppenseminar, bei dem ich viel mit meinen Leuten diskutiere und die Projekte durchgehe, und da brauche ich ja meine Hände für ein paar Stunden nicht und kann hinten im Raum mit dem Kind auf dem Arm herumlaufen. Das klappt bisher richtig gut.“
Bereits wenige Wochen nach der Geburt nahm Endesfelder wieder an einer Tagung teil. Mit einem neugeborenen Säugling zu Hause stellen sich dabei ganz spezielle Herausforderungen: Der Vater ist mit dem Kind zu Hause geblieben und sie hatte vorher auf Vorrat Milch abgepumpt. Während der vier Tage Konferenz in Manchester und Leeds hat Endesfelder im Hotel abgepumpt und die Milch eingefroren: „Zum Glück nimmt sie alles an Milch, was sie kriegt – egal ob frisch, ob aufgetaut, ob aus Milchpulver angerührt – da sind wir sehr flexibel“, erzählt die Wissenschaftlerin. Kürzlich war Ulrike Endesfelder zehn Tage unterwegs an zwei verschiedenen Orten in den USA und anschließend in den Niederlanden: „Und ich habe fleißig gefrorene Milch durch die halbe Welt gekarrt. Mit mehreren Litern eingefrorener Milch kam ich dann gestern nach Hause.“

Auch wenn sich die praktischen Probleme lösen lassen, ist eine Forscherin mit Kind sehr gefordert: „Ich mache die Morgenschicht von 5 bis 9, weil es eben auch sehr anstrengend ist, sich den ganzen Tag um das Kind zu kümmern, und abends nehme ich sie auch wieder, wenn ich von der Arbeit komme.“ Zeitlich ist sie dadurch schon eingeschränkt und: „Ich bin dabei auch etwas verwirrter.“

Ulrike Endesfelder sieht die Gründe für die unterschiedliche Repräsentanz von Männern und Frauen ähnlich wie Anita Marchfelder: „Als Gruppenmitglied erfüllen Frauen den Geschlechter-Stereotypen: Sie sind fleißig, ordentlich, super-sozial und zuverlässig, diese Tätigkeit entspricht dem klassischen Rollenbild. Jeder möchte eine Frau als Teammitglied“, fasst Endesfelder zusammen, „wenn sie dann Gruppenleiterin werden sollen, passen die Stereotypen nicht mehr.“ Der typische Gruppenleiter hat vor allem männliche Attribute: führungsstark, selbstbewusst. Das merke man natürlich als Frau. Wenn man eine Führungsposition antrete, dann falle man aus der Rolle, aus dem Muster: „Man wird ständig in Frage gestellt und muss aufpassen, dass man nicht übersehen oder nach diesen Gender-Stereotypen behandelt wird.“ Dieses Phänomen nennt Ulrike Endesfelder „unconscious bias“ und sie ist nicht allein mit ihrer Erfahrung: „Wenn man mit anderen Frauen in Führungspositionen redet, fällt auf, dass alle um ihre Anerkennung kämpfen mussten, dass bei allen, als sie angefangen haben, in Zweifel gezogen wurde, ob sie das überhaupt packen.“ Und wenn sie es dann packten, wurde häufig betont, wie erstaunlich und außergewöhnlich das doch sei. Zudem gehe es oft ungefragt ins Private: „Und das trotz Familie, bla, bla, bla …“, hieße es dann, während das bei einem Mann keine Rolle spiele, ob er Familie hat oder nicht, das werde – wenn überhaupt – meist nur am Rande erwähnt. Die typische Einordnung einer Frau sei: „Tolle Wissenschaftlerin und das, obwohl sie zwei Kinder hat“, während das bei einem Mann normalerweise nicht groß thematisiert werde.

Zeit spielt in der Wissenschaft eine wichtige Rolle, denn man kann nur für die Zeit Drittmittel-Anträge bei der DFG stellen, in der der eigene Arbeitsvertrag noch läuft. Endesfelder erklärt: „In den ersten beiden Jahre der begrenzten Gruppenleiterphase ist es noch einfach, einen DFG-Antrag zu stellen. Im dritten Jahr geht es meist schon nicht mehr ohne Unterstützung der Uni.“ In Frauenkarrieren sei typisch, dass sie eine ziemlich lange Anlaufphase haben, während Männer eher Vorschusslorbeeren bekommen und sofort in Forschungsprojekte integriert würden. Dieser vermeintlich kleine Unterschied, hat eine große Wirkung: „Das ist ein sich selbst potenzierender Effekt: Wenn ich in meinem allerersten Jahr als Gruppenleiter schon in einen Sonderforschungsbereich mit aufgenommen werde, habe ich direkt mehr Geld zur Verfügung, habe mehr Output und damit bessere Chancen an weitere Mittel zu kommen“, berichtet die Forscherin, „wenn schon die Startphase schwierig ist, ist die Bilanz der ersten fünf Jahren natürlich weniger erfolgreich.“ Es gäbe zahlreiche Studien, die diesen Zusammenhang („Matthew effect“) und das Phänomen der Geschlechterungleichheit an Forschungseinrichtungen belegen.

Welche Empfehlung würde Ulrike Endesfelder einer jungen Wissenschaftlerin geben? – „Ich würde ihr auf jeden Fall zuraten, wenn sie in die Wissenschaft gehen will, und empfehlen, regelmäßig zu reflektieren und sich für offene Fragen Mentoren suchen, und zwar für verschiedene Fragestellungen jeweils eine in dem Bereich erfahrene Person als Ansprechpartner.“ Außerdem: „Lange vorausdenken: Was möchte ich wann „erreicht“ haben – sowohl privat als auch beruflich.“ Auch wichtig dabei sind nach Ansicht von Endesfelder Grundvertrauen und Gelassenheit: „Ich habe mich nicht verbissen, sondern mir stehts gesagt: ‚Es ist ein harter Weg, aber ich mache mich nicht verrückt.‘ Solange es immer weiter nach oben geht und ich Freude an meinem Job habe, mache ich weiter. Im Zweifel finde ich aber auch viele andere Jobs spannend.“ Und es sei wichtig, sich bewusst zu machen, auf was von außen geschaut wird: „Das führt dann auch dazu, dass ich dahin komme, wohin ich will. Ich würde immer auf Intuition achten, wenn es darum geht, wo ist die nächste Stelle, und darauf achten, wo ist ein gutes Umfeld – von den Menschen her und vom Kooperationsverhalten.“ Und: „Man muss sich im Klaren sein, dass es diesen Bias gibt, und nicht darüber verbittern.“

  • Peter van den Besselaar, Ulf Sandström 2016: „Gender differences in research performance and its impact on careers: a longitudinal case study
    Zitat:
    „We find that male researchers had a much better career in the first about 13 years after their PhD than female researchers. In our sample, about 61 % of the male researchers became full or associate professor within this period. For female researchers this was half of that: 32 %. When also taking into account academic age, performance, mobility and discipline, the picture remains the same: gender has considerable effect on the achieved career level.“
  • Kelly Coate, Camille Kandiko Howson 2014: „Indicators of esteem: gender and prestige in academic work
    Diese Studie räumt unter anderem mit dem Gerücht auf, dass die Karriereverzögerung der Frauen an Kindern liegt. Zitat:
    „The other important stereotype concerns the perception that women’s long periods of maternity leave inevitably results in delayed or non-existent career progression. In fact, most of the female respondents to this survey did not have children while most of the male respondents did, which suggests that remaining child-free did not help advance the careers of academic women in this university. Clearly the organisational culture and societal expectations are mainly to blame here, and endless discussions about the maternity leave issue were largely misplaced.“
  • Thijs Bol, Mathijs de Vaan, Arnout van de Rijt 2018: „The Matthew effect in science funding
    Diese Studie behandelt nicht den Geschlechterunterschied, sondern bestätigt den sich selbst verstärkenden Effekt, dass frühe Förderung auch frühe Erfolge bedeutet und damit den Karriere-Grundstein legt .

Autorin: Susanne Günther

Bildnachweis: MD Duran/Unsplash

 

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